Der Teufelskreis der Immobilisation

Nach einem Sturz oder einer Verletzung kann sich bei älteren Menschen ein Teufelskreis entwickeln. Oft folgt eine Phase der Immobilisierung, die stets Muskelkraft und -masse verringert. Trotz Rehabilitation gelingt es nicht immer, frühere Kraft und Selbständigkeit vollständig zurückzugewinnen. Das Risiko für weitere Stürze steigt – und der Kreislauf beginnt von neuem. Mit unserer Studie wollen wir verstehen, warum es manchen Personen schwerfällt, nach einer Immobilisierung ihr ursprüngliches Leistungsniveau wiederzuerlangen.

h

Hintergrund

Die Lebenserwartung steigt stetig – in der Schweiz wie auch weltweit. Das ist ein grosser Erfolg, bringt aber auch Herausforderungen: Mit dem Alter nehmen gesundheitliche Einschränkungen zu, und die Belastung für das Gesundheitssystem wächst. Entscheidend ist daher nicht nur lange, sondern auch gesund, aktiv und selbstbestimmt zu leben.

Grundlage dafür ist die körperliche Leistungsfähigkeit. Sie entscheidet, ob alltägliche Aufgaben wie Gehen oder Treppensteigen selbstständig möglich sind. Besonders im Alter helfen starke Muskeln und eine gute neuromuskuläre Kontrolle, Stürze zu vermeiden. Kommt es dennoch zu einer Verletzung oder Operation, führt die anschliessende Immobilisation schnell zu Muskelabbau – bis zu 2 % Kraft und 0.5 % Masse pro Tag. Junge Menschen gleichen das oft aus, doch im Alter können schon kleine Verluste die Selbstständigkeit gefährden.

Bekannt ist: Alter und Geschlecht beeinflussen, wie Muskeln und Nerven auf Inaktivität und Training reagieren. Erste Hinweise zeigen, dass Frauen nach Immobilisation stärkere Einbussen erleiden als Männer. Auch ältere Menschen reagieren anders auf Rehabilitation als Jüngere. Dennoch fehlen Daten, da Studien bislang fast nur Männer untersuchten. Besonders ältere Frauen sind stark unterrepräsentiert, obwohl sie eine wachsende Bevölkerungsgruppe darstellen.

Die untenstehende Grafik verdeutlicht, dass Alter und Geschlecht den Verlauf prägen – und dass vor allem bei Frauen viele Fragen zum Abbau und zur Erholung offen bleiben.

background_objectives

Diese Forschungslücken sind entscheidend: Ohne ein klares Verständnis der alters- und geschlechtsspezifischen Unterschiede lassen sich keine wirksamen Präventions- und Rehabilitationsprogramme entwickeln. Es droht, dass bestehende Konzepte nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleich gut funktionieren.

Genau hier setzt frAGILE an: Das Projekt untersucht, wie sich Muskeln, Sehnen und Nervensystem bei jüngeren und älteren Frauen und Männern während und nach einer Phase der Immobilisation verändern – und wie gezieltes Training diese Prozesse beeinflussen kann.


Unsere Zielsetzung

jh

Die frAGILE-Studie untersucht, wie sich eine zehntägige Ruhigstellung eines Beins und ein dreiwöchiges Training auf Muskelkraft, neuromuskuläre Kontrolle, Gleichgewicht, Gang sowie Muskel- und Sehnenstruktur auswirken. Besonderes Augenmerk gilt älteren Frauen, die in bisherigen Studien kaum berücksichtigt wurden.

Ziel ist es, zu verstehen, warum sich Abbau und Wiederaufbau von Muskeln bei Alter und Geschlecht unterscheiden. Mit modernen Methoden wie Ultraschall, Kraftmessungen, Gang- und Gleichgewichtsanalyse sowie Elektromyographie erfassen wir Anpassungen des neuromuskulären Systems und entwickeln daraus Empfehlungen für Training und Rehabilitation.

Nach oben